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Die Wölfe von Shadowleave

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Die Wölfe von Shadowleave

Autor: Cecilia

Der junge Zauberer Isgaen betrachtete düster das Festland vom Schiff aus. Er kam von der Magieakademie und arbeitete sich auf den Rang des Magiers hoch. Dazu sollte er drei Vollmonde lang die mysteriösen Wölfe in den Wäldern Shadowleaves beobachten. Die meisten Zauberer hatten gehofft, die Höhle des bösen Drachen und seinen Leib inspizieren zu dürfen, aber wegen der Gefahr einer Wiederbelebung (ohne Kopf?) durfte das keiner übernehmen.
Isgaen hasste Schiffe von ganzem Herzen. Nicht wenige Zauberer bekamen auf der See ein Gefühl der Beklommenheit oder wurden seekrank. Isgaen selbst litt an letzterem. Sein Magen hatte schon begonnen, verrückt zu spielen, da war die Akademie noch in Sicht gewesen. Immerhin hatte es keinen Sturm gegeben. Dankbar ging er nach der langen Überfahrt von der Insel der Akademie zum Festland von Shadowleaves an Land.

In der Hafenstadt kaufte Isgaen sich ein Pferd und ritt zu einem kleinen Dorf am Rande des größten Waldes von Shadowleaves. Der Ritt war lang, die Landschaft schön, aber darauf achtete er während des Rittes nicht. Er dachte über seinen Auftrag nach. Was sollte er über die Wölfe herausfinden? Es waren doch nur ordinäre Wölfe, oder etwa nicht? Im Dorf nahm er sich ein Zimmer und wollte die Dorfbewohner nach den Wölfen fragen, doch diese suchten Ausflüchte und gaben keine Antworten.
"Ich muss noch mit den Welpen ausgehen, die nehmen mein Haus auseinander!"
"Ich habe noch Brot im Ofen!"
"Ich muss auf das Baby meiner Schwester aufpassen!"
So ging es den ganzen Tag. Nachts nahm Isgaen schließlich eine Feder, ein Tintenfässchen und etwas Papier, dann ging er einfach in den düsteren Wald hinein.
Schon bald erreichte Isgaen eine Lichtung. Verärgert unterzog er seine Robe einer Musterung. Drei Risse und ein dreckiger Saum. Ärgerlich! Die Robe war neu gewesen! Er setzte sich auf einen umgestürzten Baum und hoffte, die Wölfe noch in dieser Nacht zu sehen zu bekommen. Er war müde, er war es nicht gewohnt, nachts zu arbeiten. Schließlich schlief er ein.

Isgaen fühlte etwas Kaltes, Nasses im Gesicht, er wachte davon auf. Er traute seinen Augen kaum, denn ein rabenschwarzer Hund (oder Wolf?!) war dabei, sein Gesicht abzulecken! Der Wolf sprang vom umgestürzten Baumstamm herunter und Isgaen sah noch mehr Wölfe, ein ganzes Rudel! Die Tiere waren groß, aber sie bewegten sich trotz ihrer Masse sehr elegant. Ein besonders großer Wolf kam nun auf Isgaen zu, die anderen umkreisten ihn argwöhnisch. Und dann vernahm Isgaen diese Stimme in seinem Kopf ...
Du hast lange auf dich warten lassen, Zauberer.
Hatte der Alphawolf ihm das wirklich gesagt, oder träumte Isgaen nur? Wenn er träumte, war dieser Traum äußerst real. Die Stimme des Tieres -- war es überhaupt die Stimme des Tieres? -- war tief und knurrend.
"Du wusstest, dass ich kommen würde?", fragte er einfach laut.
Isgaen fühlte sich hilflos, ohnmächtig, er hatte einen Blackout, konnte sich an keine Formel erinnern ...
Natürlich. Du hast deine Anreise nicht gerade verheimlicht. Die Hunde wussten schon vor Monden von deiner Ankunft.
"Aber wieso kannst du sprechen? Können die anderen Wölfe auch sprechen?"
Der Alphawolf schien zu seufzen.
Es ist eine lange Geschichte. Bist du deswegen hergeschickt worden?
"Ich weiß es nicht. Es war ein Befehl."
Führst du Befehle immer aus, ohne sie zu hinterfragen?
"Na ja, die Hohen Magier sind mächtig, nicht zu vergessen die Erzmagier, sie könnten ..."
Das kann ja lustig werden ...
Genau dasselbe dachte Isgaen auch. War er gerade deswegen zu den Wölfen geschickt worden? Weil sie sprechen konnten? Das musste ein Traum sein, das konnte nur ein Traum sein.

Gegen Morgen fand sich Isgaen im Bett in jenem Zimmer wieder, das er gemietet hatte. Er hatte keinerlei Erinnerung daran, was passiert war, nachdem der Anführer des Wolfsrudels mit ihm gesprochen hatte. Hatte er überhaupt gesprochen? Isgaen lag im Bett, also muss das ein Traum gewesen sein. Aber es war erschreckend real gewesen ... Gab es Beweise, dass er nicht im Wald gewesen war ...? Die Robe! Im Traum war sie dreckig und gerissen! Isgaen stand hastig auf -- irgendwer hatte ihn entkleidet und die Kleider auf einen Stuhl gelegt -- und inspizierte die Robe. Alle Risse und Flecken aus seinem Traum waren dort. Aber wie war er zurückgekommen?
Den Rest des Tages schrieb Isgaen ein paar Briefe an die liebe Familie und ein paar Freunde von der Akademie. Bei Nacht wollte er erneut in den Wald gehen.

Isgaen graute es zwar davor, doch er tat es tatsächlich. Er nahm Feder, Tinte und Papier und setzte sich auf denselben Baumstamm wie in der vorherigen Nacht. Die Wölfe kamen zurück. Sprachen sie wirklich oder würden sie ihn anfallen?
Du bist hartnäckig.
Der große, schwarze Wolf kam näher. Sie sprachen tatsächlich!
"Habt ihr Namen?"
Isgaens Stimme war vor Angst und Aufregung höher als normal. In seinen Ohren klang sie piepsig.
Namen? Nicht in eurer Sprache.
"Das heißt, ich muss euch welche geben?"
Nein. Diese Wölfin dort ist Pfoten-im-Wind, das bedeutet ihr Name in deiner Sprache. Sie ist die Schnellste.
Die anderen Namen waren genauso aufgebaut, aber Isgaen konnte sie sich partout nicht merken.
"Wieso könnt ihr nun sprechen? Und außerdem hast du deinen Namen nicht genannt."
Du hast deinen auch nicht genannt.
"Isgaen lautet er."
Ich dachte mir schon, dass du elfischer Abstammung bist: Du riechst elfisch.
"Ich habe keine elfischen Ahnen! Wie lautet dein Name?"
Ich habe keinen. Ich bin Der Anführer. Der Alphawolf.

"Aber weshalb könnt ihr nun sprechen?"
Das ist eine lange Geschichte.
"Dann erzähl mir davon!"
Vorsichtig stellte Isgaen das Tintenfässchen auf den Baumstamm, in der Hoffnung, es möge nicht umkippen. Er wollte sich Notizen zu der Geschichte machen.
Meinetwegen. Immer haben diese Menschen es eilig! Ja, wir können uns telepathisch unterhalten. Es ist schon lange her, dass wir es erlernt haben. Damals waren wir normale Wölfe. Dann fingen uns Magier von deiner Akademie. Sie zauberten an uns herum, wir veränderten uns.
"Warum taten sie das? Wer war es?"
Tierversuche waren schon seit Langem verboten, Isgaen war entsetzt, er hatte über sein Entsetzen vergessen, sich Notizen zu machen.
Einen davon nannten sie 'Erzmagier'. Warum sie das taten? Sie wollten sich unsere Körper nehmen und sich in Tiere verwandeln. Vornehmlich Wölfe. Sie halten immer noch welche von uns gefangen. Uns gelang die Flucht. Was sollst du hier tun?
"Ich soll alles über die Wölfe von Shadowleave herausfinden."
Alles? Das wird dauern. Wie lange hast du Zeit?
"Drei Vollmonde."
Na ja, in diesem Zeitraum wirst du es wohl schaffen. Wenn man dich nicht für deine Bemühungen umbringt.
"Warum sollten sie mich umbringen wollen?!"
Mensch, du hast gerade herausgefunden, dass deine verehrten Vorgesetzten etwas Illegales tun! Aber ... wenn du die deswegen sowieso gegen dich hast, könntest du uns bei etwas helfen?
Entmutigt gab Isgaen nach. Er verschloss das Tintenfässchen, bevor er die wertvolle Tinte noch verschüttete.
"Wobei?"
Hilf uns, die restlichen Gefangenen zu befreien! Dann kannst du untertauchen.
"Na gut, meinetwegen. Wie lautet der Plan?"
Den werden wir während der drei Vollmonde ausarbeiten.
"Wir sollten vor diesen drei Vollmonden zur Akademie zurückkehren. Dann sind die meisten Zauberer weg und wir müssen uns nicht um die kümmern."
Hey! Du bist ja doch zu was nutze!
"Was soll das? Natürlich bin ich zu was nutze, sonst hätte man mich ja nicht aufgenommen!"
Werd doch nicht so schnell so wütend.
"Und wenn ich schnell wütend werde?"
Du solltest ins Dorf zurückkehren. Man macht sich sonst Sorgen um dich. Sie halten dich für einen waghalsigen, großmäuligen Zauberer, der sich beweisen will und dabei Selbstmord begeht. Es gibt sogar Wetten deswegen.
"Ich komme nächste Nacht zurück."
Schlaf lieber. Du siehst aus wie ein Vampir.
"Vampire sind Märchen. Genau wie andere Werwesen."
Vielleicht gibt es Vampire ja doch?
"Gibt es dann auch Werwölfe oder Wermagier?"
Vielleicht. Das eine schließt das andere nicht aus.

Isgaen beachtete den Rat des Alphawolfs nicht und kam trotzdem. Er gähnte -- der Schlafentzug machte ihm zu schaffen --, setzte sich auf den umgestürzten Baumstamm und wartete. Die Wölfe kamen nicht. Er begann, zu meditieren.

He, was machst du da? Langweilst du dich?
Ein junger Wolf stupste Isgaen die Schnauze ins Gesicht und Isgaen schrak auf.
"Ich langweile mich nicht, ich meditiere."
Sieht langweilig aus.
"Wenn man es beherrscht, ist es nicht langweilig."
Wie machst du das? , fragte der Alphawolf nun.
"Nun, ich leere meinen Geist und schicke ihn hinaus."
Kannst du so in andere Lebewesen fahren? Mit deinem Geist?
"Ich habe es nie probiert."
Ich stelle mich zur Verfügung.
"Das kann ich nicht tun! Tierversuche sind verboten!"
Ja, weil die Tiere nicht zustimmen. Aber ich biete mich an. Du hast mich nicht gefangen.
"Na gut."
Mit einem unguten Gefühl ließ sich Isgaen nieder und meditierte wieder. Er schickte seinen Geist auf Wanderschaft, fuhr in den Körper des Alphawolfs ...

Er war hungrig. Er wollte auf die Jagd, aber er konnte nicht. Er musste auf das Rudel aufpassen. Er war ein Einzelgänger gewesen, bevor man ihm die Verantwortung für das Rudel aufgedrängt hatte. Irgendwo, in einem anderen Teil des Waldes, heulten Wölfe. Er heulte mit.

Isgaen schrak heute Nacht schon zum zweiten Male auf. Er war im Alphawolf gewesen, hatte gedacht wie er, sich verhalten wie er, empfunden wie er.
Hat es funktioniert?
"Ich bin mir nicht sicher."
Die Nacht nach der nächsten Nacht tun wir es wieder. Du bist erschöpft. Du musst schlafen.
Diesmal wehrte Isgaen sich nicht. Diese Geisteswanderung verbrauchte Kraft, im Gegensatz zu einfacher Meditation, die Kraft gab.

Isgaen verschlief den ganzen Ruhetag. Er war sogar immer noch müde, als er zurückkam. Die Wölfe warteten. Isgaen setzte sich auf den Baumstamm und versank in tiefe Meditation. Er schaltete alle Waldgeräusche ab, lauschte nur in sich.
Es schlug fehl. War er wirklich so erschöpft von der Seelenwanderung? Oder war er nur durch den Schlafmangel so erschöpft? Der Alphawolf kam zu ihm, Isgaen legte seine Hand auf das Fell und probierte es erneut.

Das Rudel langweilte sich. Die Wölfe wollten jagen. Das Rudel jagte nicht ohne den Alphawolf. Aber was er mit dem Elfenzauberer zu tun hatte, war auch wichtig. Andererseits war der Elfenzauberer erschöpft. Er schaute zum reglosen Elfenzauberer und unterbrach den Kontakt.

"Ich habe euch schon mal gesagt, ich habe keine elfischen Ahnen."
Isgaen war zwar noch erschöpfter als zuvor, aber das hinderte ihn nicht daran, wütend aufzufahren.
Du riechst nach Elf. Wir täuschen uns diesbezüglich selten.
Stimmt es, dass Elfen so stark mit der Natur verbunden sind, dass sie in die Körper anderer Wesen fahren können und diese Gestalt dann mit ihrem eigenen Körper annehmen?, fragte ein neugieriger Jungwolf.
"Ich weiß es nicht. Ich habe meine Gestalt nicht geändert, also bin ich kein Elf."
Er hat nur elfische Vorfahren, das Menschenblut hat das vielleicht verhindert, erwiderte der Alphawolf.
"Ich habe noch nie einen Elfen gesehen, aber wenn ich einen treffe, were ich ihn fragen", versprach Isgaen.
Wir gehen auf die Jagd, entschied der Alphawolf.
Das Rudel verschwand im Wald. Isgaen entschied, dass der Alphawolf Recht hatte. Er brauchte Ruhe.

Und? Frisch und ausgeruht?
Es war beinahe unverschämt, wie der Alphawolf fragte. Vollkommen munter. Isgaen hatten schlechte Laune. Er wollte die nächtlichen Versuche hinter sich bringen, sich um die Angelegenheit bei der Akademie kümmern und sich dann seinen Studien widmen. In aller Ruhe, ohne in die Kälte hinauszumüssen vor einem Kamin sitzen und in einem Buch lesen. In der momentanen Lage mehr ein Wundschdenken als mögliche Realität. Verärgert setzte Isgaen sich auf den Boden und bedeutete dem Alphawolf, es ihm gleich zu tun.
Was wird das?
Die anderen Wölfe waren verunsichert. Sie blieben dabei, stellten sich im Halbkreis auf.
"Wenn Elfen sich in Tiere verwandeln können, aber das menschliche Blut meine Verwandlung unterdrückt, vielleicht kann ich eine Art Umkehreffekt erreichen und dich in einen Menschen verwandeln."
Nein!
Die Wölfe jaulten auf. Mit einem lauten und besonders tiefen Knurren rief der Alphawolf sie zur Ruhe.
Fang an. Wir ziehen das durch.
Isgaen tat, wie ihm befohlen. Er versetzte sich in meditative Trance, berührte den Alphawolf und kehrte die Übertragung um. Er versuchte, die Seele des Alphawolfes zu sich zu ziehen und nicht zum Alphawolf gezogen zu werden.
Es war schwer. Isgaen schwitzte Blut und Wasser. Der Alphawolf lag auf dem Boden neben ihm. Dann jedoch winselte der Alphawolf. Er schien starke Schmerzen zu haben. Isgaen achtete nicht auf den Alphawolf, durfte sich nicht ablenken lassen, der Sog war stark, sehr stark, er musste sich wehren, konnte sich fast nicht mehr wehren ...

Ein Wolf stieß Isgaen seine kalte, nasse Schnauze ins Gesicht. Widerlich! Dann roch er heißen, stinkenden Wolfsatem. Noch widerlicher! Hastig schlug er die Augen auf, ehe der Wolf noch auf die Idee kam, sein Gesicht ablecken zu wollen. Ein Fremder stand auf der Lichtung, ließ sich von den Wölfen beschnuppern. Er hatte schwarzes Haar, so schwarz wie das Fell der Alphawolfs. Isgaen musterte ihn nur kurz, dann schaute er hastig zu den Wölfen. Wie nicht anders zu erwarten war der Alphawolf in Menschengestalt nackt. Und würde er auch nur in die Nähe des Dorfes kommen, würden die Frauen einander seinetwegen die Augen auskratzen, befürchtete Isgaen.
"Jetzt brauchst du wirklich einen Namen."
"Tatsächlich?"
Die Stimme war höher als das Knurren des Alphawolfes, aber für einen Mann ziemlich tief, wenn auch recht angenehm und klingend.
"Immerhin muss ich jetzt keine Ausrede mehr suchen, wie ich einen Wolf in die Akademie bringen will."
"Das heißt, du willst mich in dieser Gestalt belassen?"
"Nur bis das vorüber ist. Danach gebe ich dir die andere Gestalt zurück."
"Dann sollten wir uns beeilen. Diese Gestalt ist erbärmlich. Man friert in einem fort!"
"Deshalb tragen wir Menschen ja auch Kleidung. Aber du bist größer als ich, ich könnte dir keine Kleidung geben."
Der ehemalige Alphawolf hob skeptisch die Augenbraue.
"Nein, in diesem Zustand kannst du nicht einfach ins Dorf gehen! Das gilt als unanständig!"
"Und wie soll ich an Kleidung kommen?"
"Ähm, man könnte etwas klauen?"
"Das meinst du doch nicht ernst, oder, du ehrbarer Zauberer?"
"Lass du dir doch etwas einfallen! Gar nicht so einfach! Ich für meinen Teil werde mich ausruhen, da kannst du ja deine Pläne schmieden!"
Isgaen stand wütend auf und verließ die Lichtung. Sollte der Alphawolf doch selbst sehen, woher er passende Kleidung bekam!

Am Nachmittag betrat Isgaen die Lichtung wieder. Er hatte ein schlechtes Gewissen wegen der Sache mit dem Alphawolf. Er hätte ihn nicht allein im Wald lassen sollen. Er war wirklich zu leicht reizbar, er müsste sich da ändern. Welche Dummheiten hatte der menschliche Alphawolf angestellt, während Isgaen sich ausgeruht hatte?!
Die Lichtung war leer. Isgaen schaute sich um. In der Nähe der Lichtung war ein Bächlein mit klarem Wasser, das Bächlein entsprang einem kleinen Gebirgszug. Und dort war eine Höhle. Sollte Isgaen nachts zurückkommen? Schliefen die Wölfe? Einer der Wölfe erhob sich würdevoll und tapste auf ihn zu.
Was willst du? Hättest du nicht später kommen können?
Der Alphawolf! Er war wieder ein Wolf!
"Du hast dich wieder verwandelt!"
Die Verwandlung war bei Sonnenaufgang. Du hast einen Wermenschen aus mir gemacht!
"Ich werde versuchen, herauszufinden, ob ich das wieder rückgängig machen kann."
Aber erst nach unserer Mission.
"In Ordnung, danach. Aber vorher muss ich dir so viel wie möglich zu menschlichem Verhalten beibringen."
Komm heute Nacht wieder. Bin zu müde
"Und außerdem bist du nicht in Form dafür."
Der Alphawolf überhörte das Wortspiel und ging wieder in die Höhle. Isgaen lief zu seinem Zimmer zurück und durchsuchte seine Tasche nach den Büchern über Wölfe und Wolfsgeschichten. Irgendwas musste doch zu finden sein!

Es dauerte nicht lange, bis sie herausfanden, dass Isgaen den Alphawolf so verändert hatte, dass dieser bei Nacht zu einem Mensch wurde -- dummerweise benahm er sich aber wie ein Wolf. Schon länger als einen Vollmond arbeiteten sie mittlerweile daran. Sie hatten herausgefunden, wie die Verwandlung erträglicher wurde und dass es eine Dorfbewohnerin gab, die von der Seltsamkeit der Wölfe wusste. Sie beschaffte -- mit schöner Regelmäßigkeit, nämlich jede Nacht -- neue Kleidung für den Alphawolf. Außerdem half sie Isgaen dabei, dem Alphawolf Manieren beizubringen.
"Nein, Menschen jagen nicht auf diese Art und Weise. Sie jagen mit Waffen. Und bitte, lass das Kaninchen in Ruhe."
Isgaen bemühte sich, geduldiger zu werden. Langsam hatte er sich diese Geduld antrainiert. Allerdings passierte es manchmal immer noch, dass er diese antrainierte Geduld verlor. Garaelle, die helfende Dorfbewohnerin, lagte beruhigend ihre Hand auf seine Schulter.
"Es würde zu lange dauern, ihm den Gebrauch von Waffen bezubringen", sagte sie beschwörend.
"Das schon, aber ich will mich nicht mit jemandem unterhalten müssen, der gerade ein rohes Kaninchen frisst. Das ist widerlich!"
Angeekelt wischte Isgaen sich einige Blutflecken aus dem Gesicht.
"Wann beginnen wir mit der Mission?", drängte der Alphawolf.
"Wir haben immer noch keinen Namen für dich", stellte Isgaen fest.
"Es muss elfisch klingen, wie dein Name", brummte der Wermensch.
"Wie wäre es mit Tanael? Namen mit ae sind typisch für Elfen, habe ich gehört", schlug Garaelle vor. "Und Namen mit fremden Akzenten."
"Isgawen?", schlug Isgaen vor.
"Die Endung wen steht für weibliche Elfen", tadelte ihn Garaelle. "Ismoen?"
"Klingt nicht elfisch genug", wehrte Isgaen ab. "Islauen?"
Der Wermensch nickte.
"Islauen klingt gut. Wann brechen wir auf?", fragte er.
"Sobald ich eine Robe aufgetrieben habe und mir sicher sein kann, dass du sie nicht zerreißt", erklärte Isgaen.
"Es war ein Versehen", knurrte Islauen.
"Du vergisst bei der Verwandlung immer, deine Kleidung auszuziehen", tadelte ihn Isgaen.
"Aber falls ich mich in der Akademie verwandle, ist doch egal, ob die Robe zerreißt, oder etwa nicht?", fragte Islauen.
"Na gut, aber wie willst du die Reise überstehen?Ich werde die ganze Zeit vorspielen, dass du mein Vetter bist und ich kann höchstens eine Robe auftreiben, bevor es auffällig wird. Ohne die Robe wird man dich während der Reise wie einen Bauern oder Diener behandeln", erzählte Isgaen.
"Aber ich reise doch meistens als Wolf", warf Islauen ein.
"Ich habe ein Halsband und ein Seil besorgt", erzählte Garaelle. "Falls ihr tags in die Akademie müsst, kannst du erzählen, du willst den Wolf über längere Zeit beobachten oder so."
"Tierversuche sind verboten", teilte Isgaen ihr mit.
"Dir wird schon etwas einfallen. Dir fällt immer etwas ein", lachte Garaelle. "Besorg die Robe. Ihr müsst so schnell wie möglich handeln, bevor der dritte Vollmond anbricht."

Garaelle wartete am Festland auf sie. Isgaen und Islauen mussten nun die Überfahrt meistern. Islauen fand sie furchtbar aufregend, Wölfe wurden nämlich sehr selten auf Schiffen mitgenommen. Er verstand überhaupt nicht, warum Isgaen so blass war und sich manchmal über die Reling erbrach.
Isgaen seinerseits wünschte Islauen in die Hölle. Die Überfahrt war allein schon schlimm genug, aber nun war da auch noch Islauen, der ihn ständig auf irgendwas aufmerksam machen wollte.
"Du vertreibst noch die Fische damit!"
Islauen kannte keine Delfine, nannte sie Fische. Isgaen schaute angewidert von der Reling auf und wischte sich den Mund mit einem Tuch ab, das er eigens dafür besorgt hatte.
"Das sind keine Fische", krächzte er.
"Keine Fische? Aber sie schwimmen doch."
"Aber sie sind keine Fische."
Isgaen hatte keinerlei Lust, Islauen den Unterschied zwischen Delfinen und Fischen zu erklären. Er verstand es bestimmt sowieso nicht.
Das Schiff war sehr spät abgefahren. Langsam, Stunde um Stunde ging die Sonne weiter unter.
"Du solltest unter Deck."
"Aber ich weiß doch gar nicht, wie ich aus der Robe kommen soll."
Es war tatsächlich das erste Mal, dass Islauen eine Robe trug und die Robe musste unter allen Umständen ganz bleiben. Isgaen half ihm beim Einkleiden, war aber momentan zu nichts zu gebrauchen. Isgaen wägte ab, Islauen die Robe allein ausziehen zu lassen, aber die Angst um das Gelingen der Mission besiegte seine Seekrankheit. Er taumelte unter Deck, Islauen stützte ihn. Dann half er Islauen aus der Robe und wankte wieder an Deck. Mistarbeit! Isgaen vermisste das Festland, seine Verwandten, sogar das Rudel!

Isgaen atmete tief ein. Er war erleichtert. Die Überfahrt war geschafft! Und es war gerade Einbruch der Dunkelheit! Murrend zupfte Islauen an der Robe herum.
"Das ist lächerlich."
"Kscht! Wir dürfen niemanden wecken!"
Sie schlichen in die Akademie der Magie, so leise sie konnten. Isgaen führte Islauen in den Keller.
"Wir hätten tags kommen sollen", wisperte Islauen.
"Dann wäre es aufgefallen."
"Aber ich hätte mich verteidigen können."
"Schweig!"
Die Treppen führten sie immer tiefer in den Keller. Sie konnten kaum sehen, es war so duster, da keine Fackel brannte und kein magisches Licht leuchtete. Allerdings wagte Isgaen nicht, ein magisches Licht zu entfachen, jemand konnte es ja bemerken.
"Wie tief im Keller wurdet ihr gefangen?", fragte Isgaen flüsternd, als sie an einem Treppenabsatz verschnauften.
"Ganz unten", erwiderte Islauen.
Sie folgten also weiterhin den Treppen.

Isgaen hätte nie gedacht, wie tief die Akademie in die Insel ging. Mit seiner Ausdauer hatte es noch nie gut gestanden, Islauen stützte ihn mittlerweile. Er setzte beinahe automatisch Fuß vor Fuß, bis er auf eine weitere Stufe treten wollte, auf ebenen Boden kam und das Gleichgewicht verlor.
"Folg dem Gang."
Isgaen stand mühsam auf -- er wäre so gern liegen geblieben! -- und ging weiter. Hinter einigen Türen, nach einigen Räumen kamen sie an einen erleuchteten Raum. Oh weh! War da jemand? Isgaen öffnete die Tür vorsichtig und spähte durch den Schlitz.
An den Wänden und überall waren Käfige, in denen Wölfe, ganz ähnlich denen aus den Wäldern, gefangen waren. Auf dem Boden in der Mitte des Raumes war ein Oktogramm. Gefährliche Experimente benötigten viel Schutz. Und es war jemand im Raum. Es war Erzmagier Taanmir. Ausgerechnet er war darin verwickelt! Nun konnte Isgaen sich trotz seiner Erschöpfung nicht mehr zurückhalten.
"Ihr!?"
"Wer ...? Wie hast du hier hergefunden?! Na ja, egal, ich werde dich eh deswegen töten müssen."
Die Stimme des Erzmagiers, sonst so gütig, war voller Bosheit. Er wollte zaubern, doch Isgaen war schneller. Islauen hielt sich hinter der Tür in Deckung, er beherrschte keine Magie, keinen Waffenkampf und war verwandelt. Er konnte sich nicht verteidigen.
Es artete in ein magisches Duell aus. Es war unfair. Isgaen war ein Zauberer und Taanmir ein Erzmagier, viel, viel mächtiger als er. Aber er konnte sich nicht in das Oktogramm retten, an den Spitzen des Oktogrammen waren keine Kerzen, die die Zauber abhielten. Isgaen tröstete sich damit, dass das immerhin ein ganz kleiner Vorteil war.

Islauen stand fassungslos hinter der Tür, als das Duell begann. Wie unfair! Der Erzmagier hatte viel, viel mehr Macht als Isgaen und Isgaen war auch noch erschöpft! Er spührte die Anzeichen der Verwandlung. Hatte das alles wirklich so lange gedauert? Waren sie die ganze Nacht lang Treppen gestiegen? Bei den Erzmagier hatte das nie so lange gedauert! Warum wohl? Kannten sie einen Flugzauber? Bestimmt. Islauen konnte die Robe nicht ablegen, bevor er sich verwandelte. Schon wieder einKleidungsstück hinüber! Aber jetzt konnte er Isgaen helfen!

Der Alphawolf schaute in den Raum, der von Zaubern erhellt wurde. Die Fackeln waren erloschen. Er verschmolz mit den Schatten und schlich sich zum Erzmagier. Ein Zauber erhellte den Raum wie einen Blitz, der Erzmagier sah den Alphawolf, seine Augen weiteten sich vor Angst und in genau diesem Moment schlug der Alphawolf zu. Isgaen hielt sich in einem Käfig fest.
Hilf mir doch, wir müssen sie rausholen!
"Wie willst du sie ans Festland bringen?"
Es waren aufgeregte Schritte zu hören, jemand stieß die Tür auf, bevor der Alphawolf antworten konnte.
"Bei allen Göttern, was hat das zu bedeuten?!"
Noch ein Erzmagier. Und Isgaen war zu geschwächt!
"Wir wollten nur die Versuchstiere befreien", krächzte Isgaen.
"Versuchstiere?!"
Mit diesem Erzmagier stand Isgaen anscheinend nicht auf gutem Fuße. Und hinter dem Erzmagier waren noch mehr Magier. Isgaen nickte dem Alphawolf erschöpft zu.
Er sagt die Wahrheit.
"Wieso ...? Was ist hier los und wieso liegt Erzmagier Taanmir besinnungslos auf dem Boden?"
Es gab ein Duell.
"Isgaen, hör mit diesem Schwachsinn auf, du kannst auch deine Stimme benutzen!"
Isgaen schüttelte den Kopf.
"Gedankentricks waren noch nie meine Stärke" -- das war gelogen -- "und ich bin zu erschöpft für irgendwas."
Der Erzmagier sah nicht gerade überzeugt aus.
Lasst die anderen Wölfe auf dem Festland frei.
Der Erzmagier zündete mit einem Fingerschnippen die Fackeln wieder an und sah die Wölfe in den Käfigen.
Lasst sie auf dem Festland frei. Wir haben nichts getan.
"Ich wusste gar nicht, dass Wölfe das können."
Nun war der Erzmagier fast so blass wie Schnee.
Ich war auch mal hier gefangen. Ich bin zurückgekommen, mit Isgaens Hilfe.
"Ich werde alles Nötige veranlassen."

Etwa eine Woche später war alles arrangiert. Garaelle war zur Akademie gekommen, die Wölfe fanden den Weg in ihren Wald, zu ihren Artgenossen. Nur Isgaen und der Alphawolf mussten sich noch um das Werwolfsproblem kümmern, deshalb war der Alphawolf in der Akademie geblieben. Er würde mit Isgaen und Garaelle zurückreisen. Der Erzmagier Anmas hatte Isgaen gerade in den Stand des Magiers erhoben.
"Du kannst in der Akademie bleiben, es ist gerade ein Studienbereich frei geworden", bot Erzmagier Anmas ihm an.
"Meister, ich würde lieber bei den Wölfen bleiben", erklärte Isgaen. "Ich muss noch etwas erledigen."
"Wirst du zurückkommen?"
"Wahrscheinlich nicht."
"Du kannst es dir noch überlegen."
"Ich habe mich bereits entschieden, Meister: Ich werde mich mit Tiermagie beschäftigen."
Isgaen drehte sich um und ging, Garaelle und der Alphawolf folgten ihm.

"Und du willst diese magischen Experimente wirklich über dich ergehen lassen?"
Isgaen hatte sich eine Hütte im Wald bauen lassen, in der er experimentierte und lebte. Manchmal besuchte Garaelle ihn, aber sie zog das Dorf vor. Der Alphawolf schlug mit dem Schwanz auf den Boden.
Du hast mir versprochen, das rückgängig zu machen.
"Ich arbeite wie ein Besessener daran, das weißt du doch."
Überall waren irgendwelche Bücher und Aufzeichnungen.
Fang an.
"Ja ja, alter Drängler."
Isgaen stöhnte, setzte sich auf den Boden und begann zu meditieren und dabei das Fell des Alphawolfs zu berühren. Der Alphawolf legte sich auf den Boden.

Nach einer halben Ewigkeit war es vorbei. Isgaen ruhte sich aus, der Alphawolf gesellte sich zu seinem Rudel. Erst gegen Sonnenuntergang kam er zurück und weckte Isgaen.
"Hat es funktioniert?", nuschelte Isgaen verschlafen.
Wir haben herausgefunden, dass ich mich willentlich verwandeln kann, aber das ist nicht schlimm. Du hast es geschafft!
"Gute Jagd heute Nacht."
Danke. Wir schulden dir mehr als einen Gefallen. Wenn etwas ist, wende dich an uns.
"Wieso wolltest du eigentlich, dass ich sie befreie?"
Sie gehören zum Rudel! Und ich habe es meiner Alphawölfin versprochen ...
Isgaen lachte leise, der Alphawolf verschwand lautlos im Wald. Müde stand er vom Bett auf, schloss die Tür und legte sich wieder hin. Isgaen hatte sowieso nicht viel für Abenteuer übrig. Nun mochte er sie noch weniger.


Ende!

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